Begegnung mit einem Unbekannten - Besuch im Tesla Museum Karlovac
Vor meiner Beschäftigung mit Tesla wusste ich nicht viel von ihm. Aufmerksam auf ihn wurde ich durch einen Urlaubsaufenthalt in der Nähe von Karlovac, einer Kleinstadt in Mittelkroatien. In der früheren österreichischen Provinzhauptstadt besuchte Nikola Tesla das “Königliche” Realgymnasium, wo er viele Anregungen von seinem Physiklehrer erhielt.
Neben der Schule steht ein modernes, interaktives Tesla-Museum. In ihm wird man in Herkunft, Leben und Werk des Erfinders eingeführt und kann auch manches Experiment mit Elektrizität machen. Was mich in dem Museum fesselte, waren die Dokumente seines Weges zu einer kreativen und vielseitigen Persönlichkeit.
Das Tesla-Museum in Karlovac (Kroatien) und das Gymnasium in dieser Stadt, das Tesla besuchte
| Blick in das Museum |
Teslas Kindheitserfahrungen - Die Eltern
Nikola stand im Schatten eines älteren Bruders, den die Eltern für außergewöhnlich begabt hielten, der aber durch einen Unfall früh verstarb. Die Eltern trauerten so über den Verlust des Kindes, dass sie nicht in der Lage waren, die andersartigen Begabungen ihres zweiten Sohnes zu schätzen. Nikola bemühte sich um ihre Liebe, indem er ein perfekter Sohn sein wollte. Aber anscheinend konnte er es dem strengen Vater nie recht machen, er zog sich in sich zurück und entwickelte wenig Selbstvertrauen, dafür aber alle möglichen “Ticks” und Zwänge, die er zum Teil lebenslang beibehielt.
Sein Vater wollte, dass Nikola wie der verstorbene Sohn in seine Fußstapfen trete und Priester werde, was aber Nikola überhaupt nicht entsprach. Er unterwarf seinen Sohn Übungen, die Gedächtnis, Verstand, Kritikfähigkeit und Disziplin schulen sollten. Der Vater förderte die Schulbildung und später die Hochschulausbildung seines Sohnes.
Nach Abschluss seiner Schulzeit in Karlovac erkrankte Nikola lebensgefährlich an Cholera. Seinem zutiefst erschrecktem Vater rang er das Versprechen ab, ihn nicht Priester, sondern Ingenieur werden zu lassen, entsprechend seinen Interessen an Maschinenkonstruktionen, Physik, Elektrizität und Mathematik. Darauf gesundete der Sohn.
Die Mutter Nikolas stammte aus einer Priester-Familie. Sie widmete sich unermüdlich dem Haushalt und der Familien-Wirtschaft. Sie erfand Geräte und Werkzeuge zur Verbesserung ihrer Haushaltsführung. Dies und ihre Leistungen in der Wirtschaftsführung erfüllten sie mit Zufriedenheit.
Sie war einfühlsamer als der Vater und verstand es, den Sohn durch geschickte pädagogische Interventionen von Torheiten abzubringen. Die “Übungen”, die sie mit dem Sohn vornahm, waren andere als die des Vaters, z. B. die Gedanken von Menschen zu erraten oder Fehler in Redewendungen zu finden. (Sich präzise ausdrücken zu können, hat etwas mit Genauigkeit beim Erfinden zu tun. Wortgewandtheit hat Tesla von beiden Eltern mitbekommen.) Tesla sagt selbst, dass es die Erfindungsgabe der Mutter war, die ihn dazu anregte, alle möglichen kindlichen Geräte und Apparaturen in der Phantasie zu entwerfen oder auch real zu bauen. (“Meine Erfindungen”)
“Erbschaften” der Eltern - Fähigkeiten und Fertigkeiten
Es ist ersichtlich, dass die Eltern Tesla zwar einige schwierige “Erbschaften” auf den Lebensweg mitgaben, aber auch viele Fähigkeiten für den Weg zum Erfinder.
Vom Vater: intellektuelle Fähigkeiten, Rationalität, theoretisches Denken, eine gute Bildung, Disziplin, Hartnäckigkeit in der Verfolgung von Zielen, Werte wie nicht so sehr an eigenen Vorteilen orientiert zu sein, sondern am Wohlergehen der Gemeinschaft.
Von der Mutter: Geschicklichkeit und Verbesserungen im Umgang mit Dingen, Einfühlung in Menschen und natürliche Prozesse, Zufriedenheit durch die Erfüllung von Aufgaben und Leistungen für die Gemeinschaft. Die kreative und intuitive Seite Teslas fand sicher ihr Vorbild in der Mutter.
Einfluss der serbisch-orthodoxen Theologie
Kuppelgemälde in der serbisch-orthodoxen Kirche "Maria Himmelfahrt" in Zürich - Christus der "Logos". (Bild: Christian Merz / Miroslav Simijonovic). Quelle: Die serbisch-orthodoxe Kirche ist ...
Es war für Tesla als Kind unumgänglich, am Gemeindeleben und an den Gottesdiensten der Gemeinden seines Vaters teilzunehmen, wobei er sich als Glöckner betätigte. Im späteren Leben bezeichnet sich Tesla “als Christ und Philosoph” (Carlson, Tesla, S. 384), er war aber keine “Kirchenchrist”.
Als Ingenieur und “Philosoph” vertrat Tesla ein mechanistisches Menschen– und Weltbild. Er sah sich und die Menschen als “Automaten” funktionieren, ohne aber wie Technokraten religiöse, moralische und humanistische Werte aufzugeben. Einige solcher Werte, zu denen Tesla durch seine Erfindungen beitragen wollte, sind:
“dauerhafte freundschaftliche Beziehungen ... engere Kontakte und ein besseres Verständnis zwischen den Menschen und den Gemeinden überall auf dieser Welt ... die Ausmerzung dieser fanatischen Hingabe an überzogene Ideale und nationalen Egoismus ... wirklicher Frieden” durch “universelle Aufklärung” und “Vermischung der Rassen”.
(The Problem of Increasing Human Energy / Das Problem der Steigerung der menschlichen Energie, 1900).
Ohne Zweifel ging es Tesla um lebenswerte und gerechte Verhältnisse, aber was bei seinem mechanistischen Gesellschaftsbild und Betonung der “Masse” fehlt, ist der Blick auf die Freiheit des Einzelnen. Das ist verwunderlich bei einer Persönlichkeit, die - nach der Beschreibung eines Reporters - “eine Mischung aus Eigenliebe und Selbstbewusstsein” verströmte. (Carlson, Tesla, S. 18)
Nach Carlson hat Tesla etwas von der zentralen Lehre der orthodoxen Kirche verinnerlicht, nach der die Welt vom göttlichen “logos” geschaffen und durchwaltet ist. Der “logos” wird als “eine ontologische Rationalität, die in den göttlichen Rationalitäten ihre Quelle” hat, verstanden. (So der orthodoxe Theologe Dumitru Popescu ) Bei Tesla drückt sich das in säkularisierter Weise in seiner Suche nach grundlegenden, vernünftigen und sinnvollen Prinzipien in der physikalischen Welt aus. Die oft intuitive Erkenntnis solcher Prinzipien steht bei ihm am Anfang seiner Erfindungen. Bei ihm gilt: am Anfang war die Idee, erst dann kommt die Ausarbeitung, das Experiment, die “Tat” (Goethe, “Faust”, “Studierzimmer”).
Eine weitere theologische Denkfigur der orthodoxen Lehre kommt hinzu. Die der Schöpfung innewohnende Rationalität manifestiert sich in den “geschaffenen Energien”, die aus den unerschaffenen Energien Gottes fließen. Gott erschafft, erhält und erlöst die Welt durch seine unerschaffenen und von ihm geschaffenen Energien.
Energie ist ein zentrales Thema für Tesla. Bei seinem Plädoyer für natürliche Energien ist der Einfluss der orthodoxen Theologie unverkennbar.
Tesla war ein besonderer Erfinder. Er hatte eine ungewöhnliche Erfindermethode, über die der nächste Post erzählt: Teslas Erfindermethode
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